Hanse Wissenschaftskolleg (Delmenhorst): Rechtsdruck in der Popmusik im Musikunterricht thematisieren

Workshop im Rahmen der Veranstaltung „Politische Musik als Handlungsfeld politischer und musikalischer Bildung“  am 15. und 16.3. beim Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst.

Reader-Text:

Das letzte Jahr hat verdeutlicht, wie groß die Anziehung ist, die rechtspopulistische und verschwörungstheoretische Gruppierungen auf viele Teile der Bevölkerung ausüben. Rechtsradikale, Corona-Leuger, Antisemiten und Anhänger der aus den USA herüberschwappenden QAnon-Bewegung gehen mit Esoterikern, Impfgegnern und den Anhängern von Theorien wie der neuen Weltordnung eine gefährliche Liaison ein. Es stellt sich die Frage, ob die Bereitschaft breiter Massen der Bevölkerung sich auf verschwörungstheoretische, frauenverachtende, homophobe, antisemitische, islamfeindliche und rechtspopulistische Meinungen einzulassen auch mit der kontinuierlichen Erosion eines gesamtgesellschaftlichen Konsenses zu tun hat. Ein Indikator hierfür ist die deutsche Popmusik, die analog zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre in Deutschland und Europa einen deutlichen Rechtsruck erfahren hat. Grund genug, das Thema auch im Musikunterricht zu behandeln.

Wenn es darum geht Schülerinnen und Schülern für das Thema zu sensibilisieren, stellt sich die Frage, ob und in welchem Maße der Rechtsruck im Leben der Jugendlichen überhaupt spürbar ist. Die Schülerschaft einer Klasse ist meist sehr heterogen, die Kinder haben unterschiedlichste kulturelle Prägungen und Stereotype sind nicht alleine Menschen am rechten Rand vorbehalten. Vielmehr existieren Vorurteile in den unterschiedlichen Herkunftskulturen, so dass nicht selten rassistische, antisemitische, homophobe, frauenfeindliche und islamophobe Denkweisen in einer Schulklasse zusammenkommen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich zwar die Frage, inwieweit die Kinder offen dafür sind, sich reflektierend mit derlei Strömungen und ihrem eigenen Verhalten auseinanderzusetzen. Außer Frage steht jedoch die Dringlichkeit, das Thema in den Musikunterricht einzubinden. Denn gerade während der Adoleszenz entwickeln Jugendliche ihr moralisches System, in dem sie für sich definieren, was gut und was schlecht ist. Die Sicht auf das eigene Weltbild wandelt sich langfristig von einer kindlichen zu einer erwachsenen Perspektive. Das Hinterfragen von Vorurteilen, Geschlechterrollen und dem eigenen Selbstbild sind entscheidende Entwicklungsmerkmale dieser Phase. Einen großen Stellenwert bei der Persönlichkeitsentwicklung hat schon immer die eigene Musikpräferenz eingenommen. Was ist nun aber, wenn die individuelle Musikpräferenz die zuvor genannten Vorurteile schürt? Wenn immer mehr Künstler und Bands aus dem Mainstream rechtspopulistische Positionen einnehmen, birgt dies die große Gefahr, dass diese Positionen als normal, allgegenwärtig und vor allem als nachahmenswert wahrgenommen werden. Der stete Tropfen höhlt den Stein: je häufiger SuS auf entsprechende Positionen stoßen, desto selbstverständlicher nehmen sie sie langfristig auch an.

Der Musikunterricht bietet die große Chance ein Bewusstsein für das Vorhandensein des Rechtsrucks in der deutschen Popmusik zu schaffen, da er wie kein anderes Fach einen Zugang zur subkulturellen Prägung der Jugendlichen bietet und die Musik in den Blick nehmen kann, mit der sich die SuS täglich umgeben. Natürlich muss solch ein Thema sensibel angegangen werden. Deshalb sollte die Behandlung dringend den Prinzipien des Beutelsbacher Konsens gerecht werden: es darf den Schülerinnen und Schülern keine Meinung aufgezwungen werden (Überwältigungsverbot); einerseits würde dies im Widerspruch zu dem Anspruch stehen, die Schülerinnen und Schüler zu mündigen Bürgern erziehen zu wollen. Zudem identifizieren sie sich womöglich mit den im Artikel behandelten Künstlern. Eine direkte Konfrontation könnte in einer Verweigerung gegenüber jeglicher Beschäftigung mit der Thematik resultieren. Die SuS müssen sich also selbst ein Bild zu den Texten und Aussagen verschiedener Bands und Künstler machen können. Um die freie Meinungsbildung zu unterstützen geschieht muss dies aus unterschiedlichen Perspektiven geschehen (Kontroversität). Die Schülerinnen und Schüler sollen dabei sich und ihr eigenes Handeln, bzw. ihre eigenen musikalischen Präferenzen hinterfragen (Schülerorientierung).

Der Workshop versucht neben einer Einordnung verschiedener deutschsprachiger Künstler und Bands (wie Xavier Naidoo, Andreas Gabalier, Freiwild und Kollegah) Anregungen zu geben, wie das Thema im Musikunterricht aufbereitet werden kann. Es werden unterschiedliche Unterrichtsszenarien, wie z.B. ein Positionierungsspiel, eine Simulation und eine Klassendebatte vorgestellt, mit deren Hilfe der Versuch unternommen werden kann, die SuS für rassistische, sexistische, homophobe und verschwörungstheoretische Positionen zu sensibilisieren, ihre Diskursbereitschaft zu erhöhen und ihre Sensibilität im Umgang mit entsprechenden Songtexten zu schärfen.